05 November 2006

Und du erbst das Grün...

Gerade habe ich begonnen zur „Einstimmung“ auf die kommende Woche auf meinem Schreibtisch etwas Ordnung zu schaffen.( und lasse mich ein wenig ablenken indem ich nun schreibe...)
Da lagen noch genau zwei Jahreseinladungen zu meinen Gartentagen die sehr begehrt waren, denn sie hatten offensichtlich etwas Geheimnisvolles da ich die Briefe mit dunkelrotem Siegelwachs verschlossen hatte.
Dann fand ich noch ein letztes „Holundermagierezeptheftchen“ …auch gut, und vier Gedichtbändchen die zu meinem Gartentag: Gartenpoesie entstanden sind.
Diese Zeilen aus dem Stundenbuch Rilkes habe ich auch vorgelesen und ich erinnere mich noch an die stille Aufmerksamkeit meiner Zuhörer an diesem Gartensonntagnachmittag.
Genau so leise und einfühlend lese ich nun zum Ausklang des Ofenfeuerchenaufräumnabends:

Und du erbst das Grün
vergangner Gärten und das stille Blau
zerfallner Himmel.
Tau aus tausend Tagen,
die vielen Sommer, die die Sonnen sagen,
und lauter Frühlinge mit Glanz und Klagen
wie viele Briefe einer jungen Frau.
Du erbst die Herbste, die wie Prunkgewänder
in der Erinnerung von Dichtern liegen,
und alle Winter, wie verwaiste Länder,
scheinen sich leise an dich anzuschmiegen.
Du erbst Venedig und Kasan und Rom,
Florenz wird dein sein, der Pisaner Dom,
die Troïtzka Lawra und das Monastir,
das unter Kiews Gärten ein Gewirr
von Gängen bildet, dunkel und verschlungen, -
Moskau mit Glocken wie Erinnerungen, -
und Klang wird dein sein Geigen, Hörner, Zungen,
und jedes Lied, das tief genug erklungen,
wird an dir glänzen wie ein Edelstein.

Für dich nur schließen sich die Dichter ein
und sammeln Bilder, rauschende und reiche,
und gehn hinaus und reifen durch Vergleiche
und sind ihr ganzes Leben so allein...
Und Maler malen ihre Bilder nur,
damit du unvergänglich die Natur,
die du vergänglich schufst, zurückempfängst:
alles wird ewig. Sieh, das Weib ist längst
in der Madonna Lisa reif wie Wein;
es müsste nie ein Weib mehr sein,
denn Neues bringt kein neues Weib hinzu.
Die, welche bilden, sind wie du.
Sie wollen Ewigkeit. Sie sagen: Stein,
sei ewig. Und das heißt: sei dein!

Und auch, die lieben, sammeln für dich ein:
Sie sind die Dichter einer kurzen Stunde,
sie küssen einem ausdruckslosen Munde
ein Lächeln auf, als formten sie ihn schöner,
und bringen Lust und sind die Angewöhner
zu Schmerzen, welche erst erwachsen machen.
Sie bringen Leiden mit in ihrem Lachen,
Sehnsüchte, welche schlafen, und erwachen,
um aufzuweinen in der fremden Brust.
Sie häufen Rätselhaftes an und sterben,
wie Tiere sterben, ohne zu begreifen, -
aber sie werden vielleicht Enkel haben,
in denen ihre grünen Leben reifen;
durch diese wirst du jene Liebe erben,
die sie sich blind und wie im Schlafe gaben.

So fließt der Dinge Überfluss dir zu.
Und wie die obern Becken von Fontänen
beständig überströmen, wie von Strähnen
gelösten Haares, in die tiefste Schale, -
so fällt die Fülle dir in deine Tale,
wenn Dinge und Gedanken übergehn...

Aus: Das Stundenbuch
Das Buch von der Pilgerschaft

R.M.Rilke
Mit diesen Worten Rainer Maria Rilkes, dessen Dichtung ich sehr liebe, wünsche ich ihnen einen heimelig warmen Novembersonntagabend, und buntes, duftendes Herbstlaub der Vorfreude für den nächsten Herbsttag, auf alles was er bereit hält.
A presto
m

a p
m

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