07 März 2009

Schläft ein Lied in allen Dingen...

Früher Apollo

Wie manches Mal durch das noch unbelaubte
Gezweig ein Morgen durchsieht, der schon ganz
im Frühling ist: so ist in seinem Haupte
nichts was verhindern könnte, dass der Glanz

aller Gedichte uns fast tödlich träfe
denn noch kein Schatten ist in seinem Schaun,
zu kühl für Lorbeer sind noch seine Schläfe
und später erst wird aus den Augenbraun

hochstämmig sich der Rosengarten heben,
aus welchem Blätter, einzeln, ausgelöst
hintreiben werden auf des Mundes Beben,

der jetzt noch still ist, niegebraucht und blinkend
und nur mit seinem Lächeln etwas trinkend
als würde ihm sein Singen eingeflößt.

Rainer Maria Rilke

Aus: Das Buch der Bilder


Vorhin führte ich eine kleine Diskussion mit meinem jüngeren Sohn, der sich im Deutschunterricht gerade mit der Gedichtinterpretation befassen sollte. Er trug mir einen Vers vor, und meinte: „Kannst du das interpretieren?“ „ Nein“, sagte ich „das kann ich nicht so einfach, denn er spricht mich nicht an!“ „Oh, meinte er „muss mich ein Gedicht also erst mal ansprechen?“ (Und er lächelte spitzbübisch...)

Dies hat mich dazu bewogen für mich zu überlegen ob solche „Gedichtinterpretationen“ ganz genau nach vorgegebenen Schemata aufgebaut, wirklich die Tür in die göttliche Welt der Lyrik für die jungen Menschen zu öffnen im Stande ist.

Daher würde ich gerne vorschlagen, dass sich jeder Schüler aus einer ganzen Vielfalt von Gedichten dasjenige auswählen sollte, dass seine Seele, oder sei es auch nur den Verstand (was ich wiederum nicht für möglich halte...) besonders anspricht.
Wäre es nicht erstrebenswert wenn man den Sinn für Verse einfühlsamer fördern würde um dadurch das Erkennen feinster Werte und sprachlicher Schönheiten in guter Prosa zu schulen?

Kleine Kinder hören gerne Reime. Sie haben noch ein ganz elementares Gefühl für Sprachwitz und Wortmelodien. Das kenne ich gut, auch von meinen langjährigen Erfahrungen als Vorleserin in der Bibliothek in E. Junge Kinder erfassen die Reime ohne Mühe und lernen die Verse nach wenigen Wiederholungen geradezu mühelos auswendig.
Schade, dass diese keimende Saat in den oberen Schulklassen oftmals nicht so unbeschwert weiter wachsen kann.

Nun, gut. Ich jedenfalls liebe Gedichte, ganz besonders die von Rainer Maria Rilke. Sie machen die Seele Staunen, Weinen oder Zittern wie das Flügel schlagen eines winzigen Vogels. Sie sind imstande, wenn man es zulassen kann, das Außen aufzulösen um nur noch das Innerste zu spüren.
Ähnlich, aber doch ganz anders die Gedichte Hermann Hesses, die mich ebenfalls schon einige Jahre begleiten. Sie sind wie ein guter Freund, einem dem man alles anvertrauen kann, weil man ihn am besten kennt, weil er das in sich birgt was du selbst auch in dir birgst.

Aber genug!
Eigentlich wollte ich „nur“ dieses Frühlingsgedicht von Rilke ins Gartentagebuch schreiben. Da hat mich wohl die Muse geküsst und ich bin davon ins Plaudern geraten.

...Und die Welt hebt an zu singen,
triffst du nur das Zauberwort.

Wünschelrutengrüße aus einem Vorfrühlingsabend
a presto
m
a p
m

6 Kommentar(e):

Blogger mkh sagte...

Ich hörte mal einen sagen, als er irgendeinen anderen ganz besonders loben wollte: "Der ist eine echte Wildsau!" Das wäre zum Lobe Rilkes nun nicht ganz die angemessene Metapher, aber ich muss immer wieder aufs Neue festellen, dieser Rainer Maria, der war wirklich eine... sagen wir: unglaubliche Koryphäe des Wortes! Wenn auch manchmal nicht ganz einfach verständlich.

Dir schöne Frühlingstage!

4:10 PM  
Blogger Margit sagte...

Solange die „echte Wildsau“ den Kern trifft ist es ein starkes Kompliment ... Das Adjektiv „echt“ sollte aber schon mit dabei sein(lächel...) Jedenfalls bin ich auch der Meinung, dass es für Rilke nicht so ganz treffend wäre.
Der Schlüssel zu seinen Werken heißt: Einfühlungsvermögen. Oftmals muss ich die Gedichte mehrmals lesen bis sich mir ihr wahrer Zauber erschließt. Ich würde sagen Rilkes Worte können unsere Seelen zum Schwingen bringen genau wie dieser laue, duftende, sonnige Frühlingstag heute.
Also schnell raus, die Sonne auf der Haut spüren, beide Hände auf die warme Erde legen und jeden Augenblick genießen.

Auch für dich beglückende, erfüllte Frühlingstage.
m

11:05 AM  
Blogger mkh sagte...

"Wild" wäre gar nicht so verkehrt für ihn:

"Berge ruhn, von Sternen überprächtigt; -
aber auch in ihnen flimmert Zeit.
Ach, in meinem wilden Herzen nächtigt
obdachlos die Unvergänglichkeit."

Klar, er ist der Seelenschwinger schlechthin. Du erinnerst dich an Joachim-Ernst Berendts Rilke-Rezitationen unter dem Titel "Seelenlandschaften"?

Ja, die Sonne...

2:36 PM  
Blogger Margit sagte...

„Wunderliches Wort: die Zeit vertreiben!
Sie zu halten, wäre das Problem.
Denn, wen ängstigts nicht: wo ist ein Bleiben,
wo ein endlich Sein in alledem? –„



ein wilder, wundervoller Wortakrobat....



Ja, ich kann mich an J.E. Berendts erinnern: warmherzig, eindringlich, musisch. „Es gibt keinen Weg: Nur gehen“. Das weiß ich auch noch!...

Oder doch?

„Zwei Wege sinds. Sie führen keinen hin.
Doch manchmal, in Gedanken, läßt der eine
dich weitergehn. Es ist, als gingst du fehl;
aber auf einmal bist du im Rondel
alleingelassen wieder mit dem Steine
und wieder auf ihm lesend: Freiherrin
Brite Sophie - und wieder mit dem Finger
abfühlend die zerfallne Jahreszahl -.
Warum wird dieses Finden nicht geringer?
Was zögerst du ganz wie zum ersten Mal
erwartungsvoll auf diesem Ulmenplatz,
der feucht und dunkel ist und niebetreten?“
...

und noch´n Gedicht...Akrobat Schöööööööööööööööööön....

Abendlichtgruß
m

8:24 PM  
Blogger mkh sagte...

Auch Hölderlin ist eine Entdeckung wert, wie ich gerade wieder entdecke... - Lies mal!

Der Nekar

In deinen Thälern wachte mein Herz mir auf
Zum Leben, deine Wellen umspielten mich,
Und all der holden Hügel, die dich
Wanderer! kennen, ist keiner fremd mir.

Auf ihren Gipfeln löste des Himmels Luft
Mir oft der Knechtschaft Schmerzen; und aus dem Thal,
Wie Leben aus dem Freudebecher,
Glänzte die bläuliche Silberwelle.

Der Berge Quellen eilten hinab zu dir,
Mit ihnen auch mein Herz und du nahmst uns mit,
Zum stillerhabnen Rhein, zu seinen
Städten hinunter und lustgen Inseln.

Noch dünkt die Welt mir schön, und das Aug entflieht
Verlangend nach den Reizen der Erde mir,
Zum goldenen Paktol, zu Smirnas
Ufer, zu Ilions Wald. Auch möcht ich

Bei Sunium oft landen, den stummen Pfad
Nach deinen Säulen fragen, Olympion!
Noch eh der Sturmwind und das Alter
Hin in den Schutt der Athenertempel

Und ihrer Gottesbilder auch dich begräbt,
Denn lang schon einsam stehst du, o Stolz der Welt,
Die nicht mehr ist. Und o ihr schönen
Inseln Ioniens! wo die Meerluft

Die heißen Ufer kühlt und den Lorbeerwald
Durchsäuselt, wenn die Sonne den Weinstok wärmt,
Ach! wo ein goldner Herbst dem armen
Volk in Gesänge die Seufzer wandelt,

Wenn sein Granatbaum reift, wenn aus grüner Nacht
Die Pomeranze blinkt, und der Mastyxbaum
Von Harze träuft und Pauk und Cymbel
Zum labyrintischen Tanze klingen.

Zu euch, ihr Inseln! bringt mich vielleicht, zu euch
Mein Schuzgott einst; doch weicht mir aus treuem Sinn
Auch da mein Nekar nicht mit seinen
Lieblichen Wiesen und Uferweiden.

(Friedrich Hölderlin)

11:34 PM  
Blogger Margit sagte...

Hölderlin mag ich auch gerne ( an Tagen wo er hinzu passt) Ich fand vor einiger Zeit ein antiquarisches Büchlein mit seinen ausgewählten Kostbarkeiten. Das Gedicht der Neckarund Andere, zeigt seine tief verwurzelte Heimatliebe die ich manchmal mitfühlen kann und manchmal auch nicht...( so ist das mit manchem Gedicht..)


Des Morgens

Vom Taue glänzt der Rasen; beweglicher
Eilt schon die wache Quelle; die Buche neigt
Ihr schwankendes Haupt und im Geblätter
Rauscht es und schimmert; und um die grauen

Gewölke streifen rötliche Flammen dort,
Verkündende, sie wallen geräuschlos auf;
Wie Fluten am Gestade, wogen
Höher und höher die Wandelbaren.

Komm nun, o komm und eile mir nicht zu schnell,
Du goldener Tag, zum Gipfel des Himmels fort!
...

...ein goldener Tag wartet, gleichgültig ob es regnet, was auch nötig wäre um das frische Grün zu nähren, oder ob die Sonne hervorkommt um die Erde für die Saat zu wärmen.

m

9:31 AM  

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